Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Eine wackelige Angelegenheit

2. Februar 2018

von Janina Weser, unserer Blogger-Perle von perlenmama.de.

Heutzutage ist es fast normal, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Das hat vielerlei Gründe: Weil beide arbeiten gehen wollen, aus wirtschaftlichen Nöten, aber auch Wünschen. Ich möchte heute jedoch nicht über die Gründe sprechen und welche in meinen Augen nun „gute“ Gründe sind und welche nicht. Im Endeffekt ist es die Sache der Familie, was sie möchten und wie sie es im Endeffekt organisieren.

Ich habe über die Jahre viele verschiedene Modelle kennengelernt. Mal arbeitet einer Vollzeit und der andere in Teilzeit. Mal arbeitet einer tagsüber und der andere nachts. Man passt sich eben den individuellen Betreuungsangeboten an. Nichtsdestotrotz haben alle Konstrukte etwas gemeinsam: Sie sind oftmals eine sehr wackelige Angelegenheit und schon ein kleiner Schluckauf im Plan kann das ganze Gerüst der Vereinbarkeit ins Wanken bringen.

So durchfährt mich morgens an der Kita schon ein Schock, wenn mal wieder das berüchtigte „Achtung, im Haus ist Krankheit XYZ“-Schild an der Eingangstür hängt (und das ist eigentlich von Oktober bis März fast durchgängig der Fall). Ich springe dann quasi sofort in den Planungs-Modus, wie man dann eventuell mit dem Super-GAU umgehen könnte. Das ist fast ein Reflex. Doch nicht nur Bazillen sind die natürlichen Feinde der Vereinbarkeit. Letztendlich braucht sie nämlich eine gute Routine um zu funktionieren. Alles, was diese Routine durchbricht, kann schädlich sein.

Manchmal hat man das Gefühl, man laufe in einem Hamsterrad, dass man einfach gut funktionieren muss, und dann funktioniert auch der Rest. Aber auch die Kids müssen in dem Konstrukt der Vereinbarkeit funktionieren. Ein Wutanfall am Morgen, und schon ist die schöne durchgeplante Morgenroutine dahin. Stress bricht aus, bei den Eltern und dann quasi automatisch auch bei den Kindern. Nicht selten hatte ich, nachdem ich sie bei der Betreuung abgegeben hatte, ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil wir morgens hetzen mussten und wir einfach keine Zeit für ihre kleinen und großen Sorgen und Emotionen hatten.

Generell hat man eigentlich immer ein schlechtes Gefühl. Einerseits wenn man wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben muss („was sollen die Kollegen denken? Werden die Befürchtungen des Chefs nun wahr? Ist mein Job noch sicher?“), aber auch wenn die Kids dann wieder in die Betreuung gehen, zwar ordnungsgemäß seit 24 Stunden fieberfrei, aber noch längst nicht wieder richtig fit.

Ich verfluche ständig jene Eltern, die ihre Kinder krank in die Betreuung bringen. Einerseits ist es so unfair den Kindern gegenüber, so ein Betreuungstag ist anstrengend und wenn man krank ist, will man eben einfach zu Hause sein. Aber auch den anderen Kindern und ihren Eltern gegenüber, deren Vereinbarungsgerüst nächste Woche dann wohl ebenfalls bedrohlich wanken wird. Und natürlich wollen wir auch die Betreuer und Erzieher nicht vergessen, die sich ebenfalls anstecken können, oder die den Eltern hinterher telefonieren müssen, wenn sie wieder einmal Fieberzäpfchen-Reste in den Windeln der Kleinen finden.

Andererseits kenne ich die harte Faust der nackten Existenzangst, wenn zwei Wochen nach dem letzten Kind-Krank-Tag die Kleinen schon wieder mit glasigen Augen und heißen Wangen aufwachen und man einfach nicht weiß, wie man das auf der Arbeit noch rechtfertigen soll. „Eltern sollte weniger Druck gemacht werden, Kinder werden nunmal krank!“. Ja, das stimmt und das unterschreibe ich sofort. Aber wie ist das denn aus der Sicht des Chefs? Kann man ständig auf Mitarbeiter verzichten? Wieviel Verantwortung möchte man diesen Mitarbeitern geben? Und stellt man dann noch völlig vorbehaltslos Eltern kleiner Kinder ein? Natürlich wäre es nur fair, dies natürlich zu tun. Klar, keine Frage, würde ich mir auch wünschen. Aber in der Realität können wir in dem System, in dem wir uns befinden, eigentlich alle nur verlieren, und zwar alle Beteiligten, Eltern UND Kinder, aber auch Arbeitgeber, Betreuer und Kollegen.

Was sich ändern muss? Wir brauchen mehr Flexibilität, mehr Vertrauen, mehr Möglichkeiten, verpasste Arbeitszeit im Homeoffice nachzuholen (es ist ja nicht so als hätten wir heutzutage nicht die technischen Möglichkeiten hierfür), mehr Möglichkeiten, und auch Anerkennung, für beide Eltern gleichwertig um Kind-Krank-Tage zu nehmen, mehr Verständnis, mehr Fokus auf die Fähigkeiten als auf die Lebensumstände, flexiblere, bezahlbare aber qualitativ gute Betreuungsmöglichkeiten. Uns wird immer wieder gesagt „Deutschland braucht mehr Kinder“ aber wenn man sie dann bekommt, dann hat man den Salat. Dann muss man funktionieren, sonst hat man verloren. Und am Ende sind aber eben alle Beteiligten die Verlierer.


Autorin: Janina Weser, unsere Blogger-Perle von perlenmama.de, schreibt hier für VITALSANA eine regelmäßige Kolumne, in der sie uns Einblick in Ihr Familienleben gibt, sowie Tipps und Gedanken teilt. Hier können Sie mehr über Janina Weser erfahren.

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