Auch Mythen können gesund machen

30. November 2017

Finden Sie nicht auch, dass wir in einer zunehmend entmystifizierten Welt leben? Überall im Netz stößt man auf selbst ernannte „moderne Aufklärer“, die Beweise dafür gefunden haben, dass Kälte keine Erkältung verursacht, dass eine Kiwi als Vitamin-C-Lieferant der heißen Zitrone überlegen ist und dass man Kindern bei Magen-Darm-Infekten auf keinen Fall Cola geben darf.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich wünsche mich keinesfalls in eine Zeit zurück, in der Operateure den Kopf über einen Mann geschüttelt haben, der vor chirurgischen Eingriffen plötzlich Hände und Instrumente sorgfältig reinigte. Wie viele Menschen sind dank Louis Pasteur, Robert Koch und Co. vor schwerwiegenden Infektionen bewahrt worden? Und dennoch finde ich, wir sollten Mythen nicht ganz aus unserem Alltag verbannen.

„Zieh Dich warm an!“

Denn mal ehrlich: Selbst wenn Sie davon überzeugt sind, dass Kälte nicht krank macht, würden Sie nicht trotzdem dafür sorgen, dass Ihr Kind bei winterlichem Schmuddelwetter den Anorak sorgfältig schließt und eine Mütze anzieht? Und haben Sie mal überlegt, wie Ihr Vierjähriger es finden würde, wenn Sie nicht über sein aufgeschürftes Knie pusten würden? Laut Eckart von Hirschhausen grenzt das schon an unterlassene Hilfeleistung!

Ich kann mich noch sehr gut an die Hausmittel meiner Mutter erinnern. Und ja, ich habe als erste „Nahrung“ nach einem gerade überstandenen Magen-Darm-Infekt Cola und Salzstangen bekommen. Die Cola war zimmerwarm und ich musste die Kohlesäure rausquirlen – aber sie hat einfach göttlich geschmeckt. Und sie hat mir gut getan, wenn auch vielleicht nur der kindlichen Seele.

Zuwendung heilt

Vielleicht liegt die heilende Kraft von Mythen und alten Hausmitteln ja ganz einfach darin, dass man dem Kranken viel Zuwendung gibt. Und ob ein Quarkwickel aus medizinischer Sicht nun ein wirksames Hausmittel ist oder nicht: Der Wickler oder die Wicklerin ist jemand, der sich kümmert. Das legendäre Erkältungs-Allheilmittel Hühnersuppe wirkt ja auch nur, wenn ein frisches Huhn mit viel Liebe darin verarbeitet wurde. Ist das jetzt auch wieder ein Mythos oder stimmt es?

Wie auch immer. Mein Appell an Mütter, Väter und sonstige mitfühlende Menschen, die Kranke pflegen: Bereitet eine heiße Zitrone zu, wenn sie gewünscht wird. Legt stinkige Zwiebelsäckchen auf schmerzende Ohren, erlaubt das vorsichtige Knabbern von Salzstangen und wickelt kratzige Hälse ein. Wer heilt, hat Recht – so heißt es doch. Warum sonst wirken wohl Placebos?

Professionelle Hilfe, wenn es ernst wird

Wichtig ist am Ende natürlich, dass man mit dem Patienten den Arzt aufsucht (oder er selber geht), wenn sich Symptome nicht bessern. Und dass man immer dann zu wirksamen Medikamenten greift, wenn es keine kleinen, sondern größere Wehwehchen sind. Woran Sie das merken? Hören Sie dem Patienten oder der Patientin gut zu, vertrauen Sie auf Ihr Gefühl und holen Sie sich Rat, wenn Sie unsicher sind. Hat bei uns in der Familie bisher immer bestens geklappt.

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